Kirchengemeinde St.Georgsberg
* Ev.-Luth. Kirchengemeinde St.Georgsberg * Wedenberg 9 * 23909 Ratzeburg *

Warum ich Todesanzeigen sammle....

... das werde ich immer wieder gefragt, wenn ich von meinem außergewöhnlichen ,,Hobby" erzähle. Eine kurze, prägnante Antwort fällt mir nach wie vor schwer.
Wie hat alles angefangen? Ich gehöre zur großen Schar derer, die regelmäßig in ihrer Tageszeitung die Seite mit den Todesanzeigen aufschlagen und studieren. Diese Seite ist - so ergab eine Meinungsumfrage - neben Sport und den Lokalnachrichten der meistgelesene Teil einer Zeitung. Offensichtlich geht eine geheimnisvolle Faszination von diesen schwarzumrandeten Sterbenachrichten, von diesen "letzten Meldungen" aus.
Beim ersten Durchsehen der Todesanzeigen fällt auf, dass sie zumeist sehr ähnlich sind. Natürlich: Namen, Lebensdaten, Orte und die Größe werden variiert. Doch weit über 90 Prozent aller Todesanzeigen entsprechen Mustern und Vorlagen, die Beerdigungsinstitute und Zeitungsredaktionen für die Hinterbliebenen bereithalten. Das ist sicher im konkreten Fall eine große Hilfe. Denn wohl jedem fällt es schwer, eine Anzeige zu formulieren und dabei eine endgültige, letzte Aussage über das Leben eines Menschen zu machen. Vor allem aber ist man vom Tod eines nahen Angehörigen betroffen und soll unter großem Zeitdruck eine Anzeige entwerfen. Da greift man in der Regel dankbar auf vorgegebene Muster zurück.
Immer wieder lassen es sich Angehörige jedoch nicht nehmen, die Todesanzeige selbst und individuell zu formulieren. Manchmal sind es auch die Verstorbenen selbst, die schon zu Lebzeiten den Text festgelegt haben. Das sind für mich die interessanteren Anzeigen. Irgendwann einmal - es muss schon in meiner Studentenzeit gewesen sein - habe ich begonnen, solche außergewöhnlichen Anzeigen auszuschneiden und in einem Schuhkarton zu sammeln.
Später, in meinem Beruf als Pastor, hatte und habe ich immer wieder mit dem Tod zu tun, durchschnittlich eine Beerdigung pro Woche. Dabei soll ich in meinen Ansprachen etwas über den Verstorbenen aussagen und zugleich trösten und Mut zusprechen. Auch im Konfirmanden- und Religionsunterricht steht das Thema „Leben angesichts des Todes“ oder „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ auf dem Lehrplan. Und dann sind da die Predigten zu Ostern und zum Toten- oder Ewigkeitssonntag. Dazu kommt die Seelsorge an Sterbenden und Trauernden. Da war und ist mir meine Sammlung eine Hilfe: Gute Formulierungen lassen sich übernehmen, Beispiele anführen, Ungewöhnliches als Aufhänger benutzen oder Hinweise darauf geben, wie andere den Tod eines Menschen bewältigt haben. Todesanzeigen bieten ein gutes Reservoir an Anregungen und Hilfen im Zusammenhang mit Sterben und Tod.


Um meine Sammlung wirklich in dieser Weise nutzen zu können, war es notwendig, sie eines Tages aus dem Schuhkarton umzuquartieren in Aktenordner. Und vor allem musste eine Systematik entwickelt werden, die das Auffinden einer bestimmten Anzeige ermöglicht. Die Zahl der Ordner wächst bis heute ständig und auch die Gruppierungen. Ein variables, ausbaufähiges System musste erdacht werden. Folgendes hat sich als brauchbar erwiesen: Im ersten Teil sind Anzeigen untergebracht zum Thema: Menschen, die vom Tod betroffen wurden. Als Unterkapitel ergaben sich: Mütter, Väter, Ehepartner, Kinder, Freunde, aber auch Pastoren, Ärzte, Künstler oder Politiker. Im zweiten Teil sind Anzeigen zusammengestellt zum Thema: Todesumstände oder -ursachen. Hier sind die Unterkapitel: Krankheit, Mord, Selbstmord, Unfälle usw. Im dritten Teil schließlich befinden sich die Anzeigen, die etwas aussagen über Jenseitserwartungen. Zum Beispiel: Das Nichts, Wiedergeburt, Weiterleben in der Erinnerung, aber auch christliche Hoffnungsbilder.
Einiges aus dieser Sammlung lege ich hiermit der Öffentlichkeit vor. Die Anzeigen sind für dieses Buch zu neuen Kapiteln zusammengestellt worden. Es sind vorbildliche Anzeigen dabei, aber auch andere, die abschrecken, es sind gelungene dabei aber auch missratene. Eins ist allen jedoch gemein: Sie regen zum Nachdenken an über das Sterben und den Tod. Das halte ich für wichtig. In der Bibel heißt es im 90. Psalm: "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Es ist gut, sich beizeiten Gedanken zu machen.
Die Gedanken, die mir bei meiner langjährigen Beschäftigung mit Todesanzeigen gekommen sind, möchte ich nicht verschweigen. Sie bilden den ersten Teil dieses Buches. Anhand der Stilelemente einer Todesanzeige möchte ich deutlich machen, was alles mit einer solchen Anzeige ausgesagt werden kann und was man demnach auch aus Todesanzeigen ablesen kann.
Diese ist dann wohl auch die Antwort auf die Frage, warum ich Todesanzeigen lese und sammle.
Wer mehr über diese Hobby von Pastor Hans Mader aus der Kirchengemeinde St.Georgsberg wissen will: Sein Buch „Es ist echt zu bitter – Todesanzeigen gesammelt und kommentiert von Hans Mader“ ist im German-Press Verlag, Hamburg unter ISBN 3-924865-18-3 erschienen.
 

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