Warum ich Todesanzeigen sammle....
... das werde ich immer wieder gefragt, wenn ich von meinem
außergewöhnlichen ,,Hobby" erzähle. Eine kurze, prägnante Antwort fällt
mir nach wie vor schwer.
Wie hat alles angefangen? Ich gehöre zur großen Schar derer, die
regelmäßig in ihrer Tageszeitung die Seite mit den Todesanzeigen
aufschlagen und studieren. Diese Seite ist - so ergab eine
Meinungsumfrage - neben Sport und den Lokalnachrichten der meistgelesene
Teil einer Zeitung. Offensichtlich geht eine geheimnisvolle Faszination
von diesen schwarzumrandeten Sterbenachrichten, von diesen "letzten
Meldungen" aus.
Beim ersten Durchsehen der Todesanzeigen fällt auf, dass sie zumeist
sehr ähnlich sind. Natürlich: Namen, Lebensdaten, Orte und die Größe
werden variiert. Doch weit über 90 Prozent aller Todesanzeigen
entsprechen Mustern und Vorlagen, die Beerdigungsinstitute und
Zeitungsredaktionen für die Hinterbliebenen bereithalten. Das ist sicher
im konkreten Fall eine große Hilfe. Denn wohl jedem fällt es schwer,
eine Anzeige zu formulieren und dabei eine endgültige, letzte Aussage
über das Leben eines Menschen zu machen. Vor allem aber ist man vom Tod
eines nahen Angehörigen betroffen und soll unter großem Zeitdruck eine
Anzeige entwerfen. Da greift man in der Regel dankbar auf vorgegebene
Muster zurück.
Immer wieder lassen es sich Angehörige jedoch nicht nehmen, die
Todesanzeige selbst und individuell zu formulieren. Manchmal sind es
auch die Verstorbenen selbst, die schon zu Lebzeiten den Text festgelegt
haben. Das sind für mich die interessanteren Anzeigen. Irgendwann einmal
- es muss schon in meiner Studentenzeit gewesen sein - habe ich
begonnen, solche außergewöhnlichen Anzeigen auszuschneiden und in einem
Schuhkarton zu sammeln.
Später, in meinem Beruf als Pastor, hatte und habe ich immer wieder mit
dem Tod zu tun, durchschnittlich eine Beerdigung pro Woche. Dabei soll
ich in meinen Ansprachen etwas über den Verstorbenen aussagen und
zugleich trösten und Mut zusprechen. Auch im Konfirmanden- und
Religionsunterricht steht das Thema „Leben angesichts des Todes“ oder
„Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ auf dem Lehrplan. Und dann sind da die
Predigten zu Ostern und zum Toten- oder Ewigkeitssonntag. Dazu kommt die
Seelsorge an Sterbenden und Trauernden. Da war und ist mir meine
Sammlung eine Hilfe: Gute Formulierungen lassen sich übernehmen,
Beispiele anführen, Ungewöhnliches als Aufhänger benutzen oder Hinweise
darauf geben, wie andere den Tod eines Menschen bewältigt haben.
Todesanzeigen bieten ein gutes Reservoir an Anregungen und Hilfen im
Zusammenhang mit Sterben und Tod.
Um meine Sammlung wirklich in dieser Weise nutzen zu können, war es
notwendig, sie eines Tages aus dem Schuhkarton umzuquartieren in
Aktenordner. Und vor allem musste eine Systematik entwickelt werden, die
das Auffinden einer bestimmten Anzeige ermöglicht. Die Zahl der Ordner
wächst bis heute ständig und auch die Gruppierungen. Ein variables,
ausbaufähiges System musste erdacht werden. Folgendes hat sich als
brauchbar erwiesen: Im ersten Teil sind Anzeigen untergebracht zum
Thema: Menschen, die vom Tod betroffen wurden. Als Unterkapitel ergaben
sich: Mütter, Väter, Ehepartner, Kinder, Freunde, aber auch Pastoren,
Ärzte, Künstler oder Politiker. Im zweiten Teil sind Anzeigen
zusammengestellt zum Thema: Todesumstände oder -ursachen. Hier sind die
Unterkapitel: Krankheit, Mord, Selbstmord, Unfälle usw. Im dritten Teil
schließlich befinden sich die Anzeigen, die etwas aussagen über
Jenseitserwartungen. Zum Beispiel: Das Nichts, Wiedergeburt, Weiterleben
in der Erinnerung, aber auch christliche Hoffnungsbilder.
Einiges aus dieser Sammlung lege ich hiermit der Öffentlichkeit vor. Die
Anzeigen sind für dieses Buch zu neuen Kapiteln zusammengestellt worden.
Es sind vorbildliche Anzeigen dabei, aber auch andere, die abschrecken,
es sind gelungene dabei aber auch missratene. Eins ist allen jedoch
gemein: Sie regen zum Nachdenken an über das Sterben und den Tod. Das
halte ich für wichtig. In der Bibel heißt es im 90. Psalm: "Herr, lehre
uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Es ist
gut, sich beizeiten Gedanken zu machen.
Die Gedanken, die mir bei meiner langjährigen Beschäftigung mit
Todesanzeigen gekommen sind, möchte ich nicht verschweigen. Sie bilden
den ersten Teil dieses Buches. Anhand der Stilelemente einer
Todesanzeige möchte ich deutlich machen, was alles mit einer solchen
Anzeige ausgesagt werden kann und was man demnach auch aus Todesanzeigen
ablesen kann.
Diese ist dann wohl auch die Antwort auf die Frage, warum ich
Todesanzeigen lese und sammle.
Wer mehr über diese Hobby von Pastor Hans Mader aus der Kirchengemeinde
St.Georgsberg wissen will: Sein Buch „Es ist echt zu bitter –
Todesanzeigen gesammelt und kommentiert von Hans Mader“ ist im
German-Press Verlag, Hamburg unter ISBN 3-924865-18-3 erschienen.
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