Vorbemerkung zur Person Hans Maders sowie zur Sammlung von Todesanzeigen
"Sterben, Tod und Trauer im Spiegel der Todesanzeigen", so lautet das
Thema. Zuvor ein paar Sätze zu meiner Person: Ich heiße Hans Mader, bin
seit 1981 Pastor in der Kirchengemeinde St. Georgsberg in Ratzeburg,
seit 25 Jahren verheiratet und Vater von zwei Kindern. Seit meinem
Studium habe ich regelmäßig Todesanzeigen gelesen und mich mit ihnen
beschäftigt. Irgendwann habe ich angefangen, außergewöhnliche Anzeigen
auszuschneiden und zu sammeln. Die allermeisten Anzeigen werden nach
Vorlagen gestaltet, die die Bestatter oder Zeitungsredaktionen bereit
halten. Das ist für die Angehörigen in der Regel ja auch eine große
Hilfe. Ich habe jedoch nur Anzeigen gesammelt, die individuell
formuliert worden sind. Ich nutzte sie als Material im Konfirmanden- und
Religionsunterricht etwa zum Thema: "Was erwarten die Menschen nach dem
Tod?". Ich verwende sie als Einstieg für Predigten am Totensonntag oder
auch Karfreitag. Zunächst habe ich die Anzeigen in einem Schuhkarton
untergebracht. Als es jedoch immer mehr wurden - inzwischen sind es wohl
mehrere Tausend - mußte ich mir eine Systematik ausdenken, um bestimmte
Anzeigen wiederfinden zu können. Dabei habe ich sie umquartiert in
Klarsichtfolien und sie nach folgendem Schema in Aktenordnern
ein-sortiert: Kapitel 1: Menschen, die gestorben sind. Als Unterkapitel
ergaben sich: Mütter, Väter, Ehepartner, Kinder, Freunde; aber auch
Berufsgruppen wie Politiker, Pastoren, Ärzte, Sportler, Künstler,
Fernsehstars; und auch Landsleute wie Bayern, Rheinländer oder DDR
Bürger. Kapitel 2 enthält Anzeigen über Todesursachen oder -umstände.
Unterkapitel sind hier: Krankheiten, Unfälle, Mord, Selbstmord, aber
auch moderne Todesarten wie Drogen oder Aids. Im 3. Kapitel schließlich
habe ich die unterschiedlichen Jenseitsvorstellungen untergebracht:
Wiedergeburt, das Nichts, Weiterleben in der Erinnerung der Angehörigen
und natürlich auch christliche Bilder. Immer, wenn ich in Todesanzeigen
außergewöhnliche Formulierungen zu diesen Themen finde, schneide ich sie
aus und sortiere sie entsprechend ein. Damit habe ich schon angedeutet,
was mich bei den Todesanzeigen besonders interessiert. Ich gehe davon
aus, daß auch die meisten von Ihnen regelmäßig Todesanzeigen lesen, daß
auch Sie zu der Mehrheit der bundesdeutschen Zeitungsleser gehören, die
die Seite mit den schwarz umrandeten Anzeigen als erste aufschlagen. Ich
habe mir darüber Gedanken gemacht, warum so viele Menschen Todesanzeigen
lesen, was sie daran fasziniert, was sie daran besonders interessiert
und auch, was sie daran ärgert und stört. In einem ersten Abschnitt
meines heutigen Vortrages will ich versuchen - auch an Hand von
Literatur über Todesanzeigen - einige Antworten auf diese Frage zu
geben.
In einem zweiten Teil möchte ich Ihnen einiges über meine Erkenntnisse
beim Studium der Todesanzeigen vortragen. Ich habe zwei Thesen
aufgestellt: 1. Jede Todesanzeige ist ein Stück Trauerarbeit, weil sie
in der ersten Trauerphase formuliert werden muß. Und 2. Jede
Todesanzeige ist ein Glaubensbekenntnis über das, was die Menschen nach
dem Tod erwarten.
In einem dritten und letzten Teil möchte ich Ihnen dann anhand von
Folien mit dem Tageslichtprojektor einige ausgewählte Anzeigen aus
meiner Sammlung zeigen.
Zunächst also zu meinem ersten Abschnitt:
Die Faszination der Todesanzeigen - oder:
Warum so viele Menschen Todesanzeigen lesen
