Kirchengemeinde St.Georgsberg
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Die Faszination der Todesanzeigen - oder: Warum so viele Menschen Todesanzeigen lesen

Todesanzeigen genießen einen hohen Aufmerksamkeitswert. Nach einer Medienuntersuchung bilden sie neben Sport und Lokalem die meist gelesene Seite einer Tageszeitung. Eine eigenartige Faszination geht von diesen schwarz umrandeten Sterbenachrichten aus.
Wenn ich morgens diese Seite aufschlage, springen mir sofort die fett gedruckten Namen ins Auge. "Ist wieder ein Bekannter dabei?" so frage ich mich. Hier ist ein Kind gestorben. Fassungslosigkeit spricht aus den Worten der Angehörigen. "Warum?" so fragen sie in ihrer Bestürzung und werden doch kaum eine Antwort auf ihre Frage bekommen. Dort ist wieder eine alte Frau von ihrem langen, schweren Leiden erlöst worden. Statt um Blumen oder Kränze wird um eine Spende für die Deutsche Krebshilfe gebeten. Also ist wohl auch sie an dieser Geißel der Menschheit gestorben. Aus der Anzeige darunter erfahre ich: "Plötzlich und unerwartet verließ" eine
51-jährige Frau ihre Familie. Sie war mein Jahrgang. Wann wird meine letzte Stunde schlagen? So geht es mir durch den Kopf. Und wie werde ich sterben? Durch Unfall? Nach langem Leiden? Plötzlich und unvorbereitet? Vielleicht schon bald? Mit jedem Tag, mit jeder Stunde gehe ja auch ich unweigerlich und unaufhaltsam meinem eigenen Ende entgegen. Diese und ähnliche Gedanken bewegen mich bei meiner täglichen Lektüre der Todesanzeigen.
Der frühere Literatur Nobelpreisträger Elias Canetti hat noch ein ganz anderes Gefühl in uns entdeckt, das wir - wie er meint - nur in den seltensten Fällen zugeben, das uns aber doch beschleicht, wenn wir die Lebensdaten anderer Menschen in den Todesanzeigen studieren. In seinem Buch "Masse und Macht" schreibt er: "Da ist einer 32 Jahre alt geworden und ein anderer 45 Jahre. Der Leser ist schon jetzt älter, und jene sind sozusagen aus dem Rennen. Er findet viele, die es nicht so weit gebracht haben wie er selbst. Es gibt aber auch viele, die ihn übertreffen. Da finden sich Männer von 70 und hier und da ist auch einer, der über 80 Jahre alt geworden ist. Diese kann er noch erreichen. Sie reizen ihn dazu, es ihnen gleich zu tun. Noch ist für ihn alles offen." Der Vorteil des Lebenden - so Elias Canetti - bestehe darin, die Toten im Lebensalter erreichen, ja sogar übertreffen zu können. Ein 89-jähriger sei deshalb wie ein höchster Ansporn. Elias Canetti resümiert: "Es ist schwer, hier keine Überlegenheit zu fühlen; der naive Mensch, in dieser Situation, fühlt sie."
Ich weiß nicht, ob diese Diagnose Canettis zutrifft. Ich bezweifle, ob wir unser Leben wie einen Marathonlauf verstehen, bei dem es nur darauf ankommt, länger durchzuhalten als die anderen und ein möglichst hohes Alter zu erreichen. Und entwickeln wir bei der Lektüre von Todesanzeigen wirklich Überlegenheitsgefühle gegenüber den Verstorbenen? Mein Eindruck ist vielmehr der, daß Menschen Angst beschleicht, wenn sie vom Tode Gleichaltriger erfahren. Ältere Männer, die den 2. Weltkrieg als Soldaten an der Front miterleben mußten, formulieren es bildhaft manchmal so: "Die Einschläge kommen immer näher!" Diese Aussage drückt in meinen Ohren nicht so sehr Überlegenheit gegenüber denen aus, die es bereits getroffen hat, sondern viel mehr Angst vor dem eigenen Schicksal. Oder meint Canetti eine gewisse Freude und Dankbarkeit darüber, daß wir noch leben? Diese Gefühle halte ich bei der Lektüre von Todesanzeigen durchaus für natürlich und angemessen.
Ganz andere Gedanken bewegen die Journalistin Stella Baum, wenn sie Todesanzeigen liest. Sie hat bereits 1980 eine Sammlung solcher Anzeigen unter dem Titel "Plötzlich und unerwartet" veröffentlicht. Sie hat das Buch geschrieben, weil sie sich beim Lesen von Todesanzeigen immer wieder ärgert. Sie erklärt in der Vorbemerkung zu ihrem Buch, daß die Maxime, Gefühle gehören nicht in die Öffentlichkeit, sie zu ihrer Sammlung angeregt hat. Sie schreibt: "Ich hätte nie für möglich gehalten, wie ungeniert hier ganz private Dinge ans Licht gezerrt und einer Öffentlichkeit preisgegeben werden."
Auch den Psychiater Prof. Dr. F.W. Bronisch überfallt ähnlicher Ärger beim Studieren der Todesanzeigen. Er bringt in seinem 1984 in einer Medizinerzeitschrift veröffentlichten Essay "Die Sprache der Todesanzeigen" sehr beredt sein Staunen darüber zum Ausdruck, daß es (Zitat:) "einem die Sprache verschlagen kann angesichts der in Todesanzeigen auftretenden vielfältigen und widersprüchlichen Gefühle und Denkweisen, die oft so chaotisch sind, daß sich der Vergleich mit den so turbulent und geradezu hysterisch anmutenden Totenklagen auf den Straßen des Orients aufdrängt." Er kommt zu dem Ergebnis: "Wohl selten offenbart sich Menschliches, allzu Menschliches so peinlich und pikant, unverblümt und auch subtil wie bei diesen ‚letzten Meldungen'."
Mich wundert, daß gerade ein Psychiater ein solches Urteil fällt. Denn es ist doch nur allzu verständlich, daß sich die Trauerarbeit der Hinterbliebenen in den Todesanzeigen niederschlägt. Unter großem Zeitdruck müssen sie in der ersten Trauerphase, in der sie den Tod eines lieben Menschen noch gar nicht annehmen können, ein solches Inserat formulieren. Daß Inhalt und Wortwahl dabei auch durch die Emotionen und Gefühle geprägt werden, bleibt nicht aus. Nicht umsonst werden Todesanzeigen häufig auch Traueranzeigen genannt.
Etwas ganz anderes stört den Liedermacher Reinhard Mey an den Todesanzeigen. In seinem Lied "Das wahre Leben spielt sich in den Todesanzeigen ab" läßt er sich darüber aus, daß in diesen Anzeigen nur Prachtexemplare von Menschen sterben, daß nur Positives über die Verstorbenen ausgesagt wird. "Nur die Edlen, nur die Klugen, nur die Mutigen, wie jeder weiß,/ nur die Vorbilder entschlafen viel zu früh und sanft und leis." so dichtet er. Er zieht daraus die Konsequenz: "Nur die Guten treten ab, und das heißt unabänderlich:/ es bleiben nur die Ekel übrig, Leute so wie du und ich." Er be-klagt bei den Todesanzeigen: "Da steh'n Lügen und Intrigen, daß die Sargwände sich biegen...Oder hat man je gelesen: ‚Der war längst fällig' oder gar,/ daß der teure Heimgegang'ne ein schlimmer Stinkefinger war?"


Ich denke, Reinhard Mey überzieht bewußt in seinem Lied. In der Tat wird in den Todesanzeigen zumeist die alte Regel befolgt: "Über einen Toten sagt man nichts Schlechtes." Sie beruht auf der archaischen Angst vor der Rache der Toten. Doch folgende Aussagen, wie er sie in seinem Lied vorschlägt, möchten wir in Todesanzeigen sicher weder über uns noch über andere lesen. Er formuliert: "Widerwärtig bis zum Ende, Zwietracht war sein Lebenszweck,/ ein Geschwür, ein Spielverderber,/ ein gift'ger, böser Zwerg. Ewig hat der Sack genörgelt, hat uns jeden Spaß verpatzt,/ endlich und auch viel zu spät/ ist die Ratte abgekratzt." Die schlimmste Formulierung, die ich in dieser Richtung tatsächlich in einer Todesanzeige für einen Kölner Professor gefunden habe, lautete: "Er war die Personifizierung geistigen Hochmutes und menschlichen Versagens."
Aber auch Wissenschaftler haben die Todesanzeigen längst als Fundgrube und geeignetes Material für ihre Forschungen entdeckt. Am Institut für angewandte Sozialforschung der Universität zu Köln hat Robert Helmrich 1988 eine Diplomarbeit über "Verhaltensänderungen und ihre sozialen Begründungen im Angesicht des Todes" vorgelegt. Er vergleicht Todesanzeigen aus verschiedenen Jahrgängen bestimmter Zeitungen miteinander und zieht daraus seine Schlüsse. Vor allem sind seiner Erkenntnis nach religiöse Einstellungen deutlich zurückgegangen, weil das Symbol des Kreuzes oder auch die Zitate von Bibelstellen seltener werden.
Kathrin von der Lage-Müller hat 1995 ihre Dissertation im Fachbereich Germanistik an der philisophischen Fakultät der Universität Zürich über Todesanzeigen geschrieben. Sie hat darin am Beispiel von Anzeigen aus der deutschsprachigen Schweiz die besondere "Textsorte" Todesanzeigen und ihre sprachlichen Merkmale herausgearbeitet. So hat sie die verschiedenen Elemente einer Todesanzeige wie fett gedruckter Name, Trauerrand, Lebensdaten, Liste der Angehörigen, Einladung zur Beerdigung usw. näher untersucht.
Oder in einer Vordiplomarbeit im Fachgebiet Sozialpsychologie haben 1989 Ilse Andreas und Marion Pfahl Todesanzeigen in der Neuen Osnabrücker Zeitung daraufhin durchgesehen, ob und wie sich Anzeigen für Männer von denen für Frauen unterscheiden. Zwar sind die männlichen wie die weiblichen Anzeigen im Durchschnitt gleich groß und auch die Häufigkeit der Anzeigen für Männer wie für Frauen weist keine signifikanten Unterschiede auf. Doch unterscheiden sich die Bilder, die von Männern und von Frauen gezeichnet werden, deutlich: Männer werden auch in den Todesanzeigen häufig durch ihre beruflichen Leistungen, Frauen durch ihre familiären Bezüge dargestellt und gewürdigt.
Sie sehen, man kann mit den unterschiedlichsten Fragestellungen Todesanzeigen lesen und sich für sie interessieren. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, daß diese Anzeigen ein hervorragendes empirisches Material bieten, um zu erfahren, welche Einstellungen die Menschen in Deutschland zu Sterben, Tod und Trauer haben und wie sich diese verändern. Die Todesanzeigen sind ein einzigartiges Spiegelbild dieser Einstellungen.

Die klassische und meines Wissens erste wissenschaftliche Arbeit über Todesanzeigen hat der Theologe Klaus Dirschauer 1972 mit seiner Dissertation im Fachbereich evangelische Theologie an der Philipps Universität zu Marburg vorgelegt. In seiner Arbeit "Der tot-geschwiegene Tod" hat er Anzeigen des Bremer Weserkuriers gründlich analysiert und systematisch ausgewertet und dabei Belege für die Verdrängung des Todes in unserer Gesellschaft gefunden. Ich werde später noch einmal auf diese Arbeit zurückkommen.
Es gibt sicher die Verdrängung des Todes bei uns allen. Keiner kann es ertragen, ständig an seinen Tod zu denken. Andererseits wird jeder immer wieder oft sehr unsanft mit dem Tod konfrontiert. Und in unserem Unterbewußtsein haben wir alle das Bedürfnis, uns mit dem Tod auseinanderzusetzen, uns auf ihn vorzubereiten. Die Fernsehanstalten haben einmal ermittelt, daß täglich mehr als 500 Leichen über unsere Mattscheiben flimmern. In den Nachrichten wird berichtet über Unfälle und Naturkatastrophen oder über Morde und kriegerische Handlungen. Aber auch in Spielfilmen aller Art gibt es Tote, je mehr, je höher liegt die Einschaltquote.
Todesanzeigen sind vielleicht deshalb für viele Menschen so faszinierend, weil wir uns bei ihrer Lektüre auch mit unserem eigenen Tod auseinandersetzen können, ohne ihn zu sehr an uns heranzulassen. Wie in einem modernen Totentanz betrachten wir auf der Seite mit den Todesanzeigen den Tod des bedeutenden Politikers neben dem einer einfachen Hausfrau, den des populären Fernsehstars neben dem des Mitarbeiters der Straßenreinigung, den des Kindes neben dem der alten Dame. Von Krankheiten und Unglücksfällen, von Mord und Selbstmord, von Drogen und Aids als Todesursachen wird berichtet. Und immer erfahren wir etwas darüber, wie die Angehörigen sich bemühen mit dem Tod umzugehen, mit ihm fertig zu werden. Wir erkennen ihre Trauer, ihre Verzweiflung, ihre ungelösten Fragen. Wir sehen ihre Verhaltensmuster im Umgang mit dem Tode und können versuchen, daraus für uns selbst zu lernen.
Damit sind wir beim zweiten Abschnitt meines Vortrages und hier zunächst bei meiner ersten These:

Jede Todesanzeige ist ein Stück Trauerarbeit