Jede Todesanzeige ist ein Stück Trauerarbeit
Klaus Dirschauer hat in seiner eben bereits erwähnten Dissertation
die Verben untersucht, mit denen das Sterben in Todesanzeigen
umschrieben wird. Er ist dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: 64,5
Prozent aller Verben sind Komposita von "schlafen". Am häufigsten wird
das Wort "entschlafen" benutzt. Danach folgen in großem Abstand mit 6,2
Prozent "verlassen" und mit 5,3 Prozent "gegangen", also Verben, die die
Trennung des Verstorbenen von seinen Angehörigen betonen. An vierter
Stelle steht mit 5,1 Prozent das Verb "erlöst", an fünfter Stelle
rangieren mit 4,4 Prozent Todesanzeigen, die jedes Verb vermeiden, also
nur Geburts- und Sterbedatum erwähnen. Erst an sechster Stelle kommt mit
4,4 Prozent das Verb "verstarb".
Klaus Dirschauer sieht die Ursachen für diese (Zitat) "verhüllende
Umschreibung des Sterbens" in der Verdrängung des Todes. Ich ziehe aus
seiner Analyse jedoch eine andere Schlußfolgerung. Ich denke, die
Angehörigen sind in der ersten Trauerphase beim Verfassen der
Todesanzeigen noch gar nicht in der Lage, den Tod anzunehmen und
vermeiden deshalb nach Möglichkeit das für sie so grausam und endgültig
klingende Verb "sterben".
Meiner Beobachtung nach häufen sich in den letzten Jahren Anzeigen, die
gar nicht mehr den Tod eines bestimmten Menschen bekannt machen und zur
Beerdigung einladen, sondern fast nur noch den Schmerz, die Verzweiflung
und Trauer der Angehörigen in die Öffentlichkeit hinausschreien. Sie
sind oft ein Hilferuf oder auch ein meist säkulares Klagelied, wie wir
es aus den Psalmen der Bibel kennen. Es gibt sogar immer mehr - wie ich
sie nenne - "anonyme Todesanzeigen", in denen höchstens noch der Vorname
des Verstorbenen erwähnt wird, wir sonst über ihn aber nichts weiter
erfahren, um so mehr dafür über die Trauer der Hinterbliebenen.
Leider sind heutzutage Kondolenzbesuche nicht mehr selbstverständlich.
Man vermeidet sie nach Möglichkeit. Wenn man sie für unumgänglich hält,
macht man sie mit gemischten Gefühlen: "Was soll ich sagen? Wie soll ich
trösten?" Da man auf diese Fragen meist keine Antwort weiß, weicht man
dem Gespräch mit Trauernden lieber aus. Das führt zu dem Dilemma, daß
Hinterbliebene oft keinen Ansprechpartner haben, bei dem sie ihre
Trauer, ihre Gefühle des Verlustes und des Schmerzes los werden können.
Der bekannte Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und ehemalige
griechische Operntenor Dr. Jorgos Canacakis hat in seinem deutschen
Bestseller "Ich sehe deine Tränen" definiert: "Trauer ist eine spontane,
natürliche, normale und selbstverständliche Antwort unseres Organismus,
unserer ganzen Person auf Verlust. Sie darf nicht unterdrückt werden.
Sie muß fließen und gefördert werden." Wenn dafür kein Gesprächspartner
zur Verfügung steht, dann sollten - so Jorgos Canacakis - Todesanzeigen
wie Kontaktanzeigen Menschen auf Trauernde hinweisen und sie zur Hilfe
ermutigen. Leider ist das wohl nur eine Utopie!
Todesanzeigen können jedoch ein Ventil sein, um den Überdruck an Trauer
loszuwerden. Das für mich eindrücklichste Beispiel für Trauerarbeit in
einer Todesanzeige ist 1984 in einer Berliner Tageszeitung erschienen.
Drei junge Leute haben da eine ganzseitige Anzeige wie ein Plakat für
ihren tödlich verunglückten Freund mit folgendem Wortlaut aufgegeben:
"THOMAS ‚CRÜMEL' PLIVERITS - SCHEISS MOTORRAD - MACH'S GUT, ALTER -
BITTE WEISSE BLUMEN - HEIDI, DANI, NORMAN."
Diese Anzeige ist der Aufschrei junger Leute, die angesichts des für sie
unfaßbaren Todes ihres Freundes ihre Trauer, ihre Wut, ihre
Hilflosigkeit in die Welt hinausschreien. Sie können ihre Gefühle nicht
für sich behalten. Das einsame Grübeln über den Tod ihres Freundes
bringt sie nicht weiter. In ihren nächtelangen Diskussionen über die
Frage "Warum?" drehen sie sich im Kreis und finden keine Antwort. Von
den Eltern kommt auch keine Hilfe: "Wir haben euch ja immer schon
gewarnt. So eine Maschine ist viel zu gefährlich für euch. Ihr fahrt ja
auch wie die Verrückten. Nun habt ihr gesehen, was dabei herauskommt!"
Heidi, Dani und Norman brauchen ein Ventil, um den Überdruck an Trauer
ablassen zu können, der sie zu erdrücken scheint. Sie müssen hinaus an
die Öffentlichkeit. Sie müssen ihren Frust - wie sie es nennen -
hinausschreien, so daß es alle Welt hört. Sie bedienen sich dazu einer
Todesanzeige. Sie versuchen in ihrer Sprache mit wenigen Worten zum
Ausdruck zu bringen, was sie bewegt und bedrückt. Es ist wie der
Ausbruch eines Vulkans, wie das ohrenbetäubende Schrillen einer
Dampfschiffpfeife, die auf diese Weise den Überdruck der Maschine
ausgleicht.
Ich denke, diese Todesanzeige ist ein wichtiges Stück Trauerarbeit. Die
drei Freunde fühlen sich erleichtert. Sie können ihren Schmerz, ihre
Wut, ihre Ratlosigkeit loswerden. Das ist ein großer Schritt auf dem
Wege, den unbegreiflichen Tod ihres 18-jährigen Freundes schließlich
doch annehmen zu können und die unabänderliche Realität dieses Todes zu
akzeptieren. Zugleich ist die Anzeige sicher auch ein Hilfeschrei: "Wir
brauchen Menschen, die uns zuhören, die uns ernst nehmen mit unseren
Gefühlen. Alleine werden wir damit nicht fertig!"
Doch wie reagiert die Öffentlichkeit auf diesen Schrei? Die einen nehmen
Anstoß an der Ausdrucksweise: "Es ist schlimm genug, daß junge Leute
solche Wörter benutzen! Aber nun auch noch in einer Todesanzeige! Das
geht zu weit! Die Zeitung hätte die Anzeige gar nicht drucken dürfen!"
so heißt es in einem Leserbrief. Manche Leute reagieren pikiert,
empfindlich, abgestoßen, weil sie die tiefer liegenden Gefühle der drei
Inserenten nicht erspüren. Wahrscheinlich würden Stella Baum und
Professor Dr. Bronisch auch zu diesem Personenkreis gehören.
Andere reagieren eher amüsiert: "Was es nicht alles gibt!" oder auch:
"Prima, daß es junge Menschen wagen, sprachliche Tabus auch in den
Todesanzeigen zu brechen." Eine fast lüsterne Freude beschleicht sie
angesichts dieser Todesanzeige. Den Aufschrei der drei jungen Leute aber
haben auch sie nicht verstanden. Ob Menschen ihren Schrei erhört haben
und ihnen seelsorgerlich beistehen konnten, ist mir nicht bekannt. Ich
bin jedoch überzeugt, daß Gott sie gehört hat, so wie er alle
Klagelieder hört, die Menschen anstimmen.
Nun zu meiner zweiten These:
Jede Todesanzeige ist ein Glaubensbekenntnis
über das, was die Menschen nach dem Tod erwarten.
