Kirchengemeinde St.Georgsberg
* Ev.-Luth. Kirchengemeinde St.Georgsberg * Wedenberg 9 * 23909 Ratzeburg *

Jede Todesanzeige ist ein Glaubensbekenntnis über das, was die Menschen nach dem Tod erwarten.

Da gibt es bekanntlich sehr unterschiedliche Einstellungen, die sich auch in den Todesanzeigen niederschlagen. Dabei ist oft nicht erkennbar, ob es sich um den Glauben der Verstorbenen oder den der Angehörigen handelt. Meistens verfassen zwar letztere die Anzeigen. Doch einige Menschen formulieren schon zu Lebzeiten ihre eigene Todesanzeige, manche sogar in der Ich-Form. Das sind die sogenannten Selbstanzeigen. "Hiermit gebe ich bekannt, daß ich am 2. März meinen letzten Atemzug getan habe. Seitdem gehe ich meiner Auferstehung in Gottes ewiger Herrlichkeit entgegen." ist eine solche Selbstanzeige, die auch eindeutig die Jenseitsvorstellung des Verstorbenen zum Ausdruck bringt. In der Regel ist in den Todesanzeigen jedoch von den Hoffnungen und Erwartungen der Angehörigen die Rede.
Ist mit dem Tod alles aus und vorbei? Mehr oder weniger unverhüllt läßt sich diese Skepsis aus vielen Todesanzeigen schließen. "Der Rest ist Schweigen!" steht über der Anzeige eines Schiffsingenieurs. Oder eine Arztfrau schreibt: "Den Tod fühlt nur der Überlebende." "Rien ne va plus!" Nichts geht mehr. Das Spiel des Lebens ist zu Ende. Kein Einsatz mehr möglich. So formuliert eine junge Frau das Ableben ihres Freundes. Auch wenn nur nackte Namen und Daten den Tod eines Menschen anzeigen, ist zumindest die Unsicherheit und Sprachlosigkeit, wenn nicht gar die Verzweiflung über das endgültige Aus zu spüren. Manche Angehörigen flüchten gar in Sarkasmus. Über einer Todesanzeige steht ein Ausspruch des Fernseh - Komikers HaPe Kerkeling: "Das ganze Leben nur ein Quiz? - Hurz!" Oder eine Familie zitiert den italienischen Fußballtrainer Giovanni Trapatoni in seinem holprigen Deutsch mit der Formulierung: "Ich habe fertig!"
Viele Menschen hoffen dagegen auf eine Unsterblichkeit auf Erden. Die einen leben in den Herzen und Gedanken ihrer Angehörigen weiter. "Er hat für uns gelebt und wird in uns weiterleben." verspricht die Familie eines Landwirtes. Über das 5. Jahrgedächtnis des Todes einer herzensguten Mutter stellen die Kinder das Wort: "Wer in den Herzen seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern!" Wie gut, wenn diese liebevolle Erinnerung noch lange anhält. Vernachlässigte Gräber, auf deren Grabstein ein "Unvergessen!" kaum noch zu entziffern ist, sprechen leider oft dagegen.
Andere Menschen hoffen, hier auf Erden in ihren Nachkommen un-sterblich zu werden. Eine Architektenfrau bedankt sich in einer Todesanzeige bei ihrem verstorbenen Mann: "Dank für die Kinder. In ihnen lebst du weiter. Bezeichnenderweise trägt der älteste Sohn nicht nur denselben Namen wie der Vater, auch beruflich bewegt er sich in seinen Fußstapfen. Sicherlich geben wir unseren Kindern vieles mit an Begabungen und an Erziehung. Doch es kann auch eine große Belastung sein, wenn man in einem Menschen nicht so sehr seine eigene Persönlichkeit sieht, sondern ihn als Abbild seines verstorbenen Vaters betrachtet.
Wieder andere hoffen, hier auf Erden in dem weiter zu leben, was sie geschaffen haben. "Ein unvergeßliches Leben im Dienst der Kurzschrift ist vollendet." weist auf die unsterblichen Verdienste eines Berliners hin. Berühmte Politiker "haben sich um unser Vaterland verdient gemacht" und werden deshalb "in die Geschichtsbücher" eingehen. Wichtigen Firmenangehörigen wird der Betrieb ein "immerwährendes, ehrendes Gedenken bewahren". Aber auch über das Leben sogenannter einfacher Leute, etwa einer Hausfrau, kann gesagt werden: "Wer so gewirkt wie du im Leben, wer so erfüllte seine Pflicht, und stets sein Bestes hergegeben, der stirbt auch selbst im Tode nicht." Gut, wenn ein Mensch in seinem Beruf oder den ihm gestellten Aufgaben Erfüllung findet. Doch liegt der Sinn und Wert eines Menschenlebens wirklich nur in Leistung und Erfolg?
Einige wenige Menschen auch bei uns glauben an eine Wiedergeburt wie die Hinduisten und Buddhisten. Allerdings findet man diese in manchen Kreisen aktuelle Jenseitsvorstellung in Todesanzeigen nur sehr selten. Eine Frau hofft für ihren verstorbenen Mann: "Sein Leib wird vielleicht in wechselnder Gestalt noch tausendmal auf dieser Welt erscheinen." Oder über der Todesanzeige eines Kindes findet sich der Satz: "Leben und Tod - sie wechseln einander ab wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter." Doch ist dieser ewige Kreislauf von Wiedergeburt und Tod wirklich ein erstrebenswertes Ziel? Die Hinduisten und Buddhisten sehen in ihm eine zu-tiefst leidvolle Qual, die sie irgendwann einmal im Nirwana, in der ewigen Ruhe, im Nichts überwinden wollen.
Viele Menschen leiten ihre Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod aus dem Beruf des Verstorbenen ab. Ein "Hubertusjünger" geht "in die ewigen Jagdgründe" ein. "Und wenn der jüngste Tag bricht an, dann steig' ich aus dem Grab, und wieder geht's mit Hussa dann ins wilde Tal hinab." So hofft er auf unendliche Jagdfreuden. Charlie Rivel ist in den Clownshimmel gekommen. Einige Seefahrer, vor allem die Kapitäne, "treten ihre letzte große Reise an" oder sind "in den letzten Hafen eingelaufen, wo sie dann "für immer Anker geworfen" haben. Ein Schulbusfahrer mußte auf "seine letzte Dienstfahrt alleine gehen." Ehemalige Soldaten "melden sich ab" und werden dann "zur großen Armee" abberufen. Einem Kumpel wird zu "seiner letzten Grubenfahrt" ein "Glück auf!" und "Bergmanns Heil!" nachgerufen, und eine Sängerin "singt jetzt für immer in den himmlischen Chören." So wird die Arbeitswelt in die Ewigkeit hinein verlängert. Ist das wirklich ein erstrebenswertes Ziel?


Wieder andere beziehen ihre Hoffnungsbilder aus der Literatur oder der Mythologie. Manche werden dabei selbst zu Poeten, andere zitieren bewußt oder unbewußt. Einige wenige möchte ich herausgreifen: Manche Menschen erwarten merkwürdige Verwandlungen des Verstorbenen. Von einem 18-jährigen, der durch einen von Seitenwind verursachten Autounfall ums Leben gekommen ist, glauben seine Eltern: "Der Wind nahm uns unseren Sohn, durch den Wind wird er mit uns sprechen, er streichelt uns durch den Wind." Die Unendlichkeit des Weltraums regt ebenfalls zu Hoffnungen an: Als "der kleine Prinz Dieter" für immer von uns ging, setzten seine Eltern ein Zitat von Saint Exupery über die Todesanzeige: "Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache." Von Hermann Hesse stammt der Spruch, der uns ebenfalls in die Unendlichkeit des Weltalls weist: "Es wird vielleicht
auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden", der über der Todesanzeige einer 81-jährigen geliebten Mutter zu lesen ist. Wolfgang Borcherts Gedicht gehört auch hierher, in dem es heißt: "Die Erde sinkt zurück, die Fesseln und die Schmerzen: Ich bin am Himmel Stern geworden und fühl' im All den Schlag von Gottes weitem Herzen."
Den Übergang von Vorstellungen aus dem weiten Weltenraum zu Hoffnungen auf eine neue Heimat im Tode finden wir über der Todesanzeige einer alten Ostpreußin: "Unsere Heimat aber ist der Himmel." In diese Richtung weist auch von Eichendorffs Strophe: "Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus." die über der Todesanzeige eines lieben Ehemannes zu finden ist. Und auch die bekannte Sterbensforscherin Elisabeth Kübler-Ross wird zitiert mit dem Satz: "Sterben ist nur ein Umziehen in ein schöneres Haus." Dies alles sind schöne Bilder, wunderbare Vorstellungen, die den Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen oder auch die Angst vor dem eigenen Tode mildern können.
Natürlich gibt es auch nach wie vor christlich geprägte Todesanzeigen. Sie sind jedoch in den letzten Jahren seltener geworden. Gerade auf diesem Gebiet bestehen in Deutschland große regionale Unterschiede. In den katholisch geprägten Gegenden wie in Bayern oder dem Rheinland zum Beispiel finden sich bis heute in der Mehrheit der Todesanzeigen Kreuze. Ob sie jedoch immer auf eine christliche Gesinnung hinweisen und schließen lassen, ist indes fraglich. Denn einmal ist das Kreuz dort Tradition und Brauch. Man denkt nicht darüber nach, sondern benutzt es einfach. Zum anderen ist das Kreuz häufig auch zum Zeichen für den Tod geworden und damit seines christlichen Inhaltes beraubt. Die Lebensdaten eines Menschen werden ja in der Regel mit einem Stern für die Geburt und einem Kreuz für den Tod markiert.
Ähnlich ist es mit anderen ursprünglich christlich gefüllten Begriffen. Schon Klaus Dirschauer hat in seiner bereits erwähnten Arbeit darauf hingewiesen, daß etwa das Verb "erlöst" vielfach seinen religiösen Inhalt eingebüßt hat. Es drückt meist nicht mehr die Erlösung des Menschen von der Macht der Sünde und des Todes durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi aus, sondern es meint lediglich die Beendigung der unerträglichen Schmerzen durch den Tod.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Vergleich von Todesanzeigen berühmter Politiker. Während die CDU, die christlich demokratische Union Deutschlands, bei den verstorbenen Bundeskanzlern Konrad Adenauer 1963 und Ludwig Erhard 1977 selbstverständlich noch die Todesanzeigen mit einem Kreuz versehen hat, so fehlt dies bereits bei dem dritten verstorbenen CDU Kanzler Kurt Georg Kiesinger 1988 und bei dem CSU Vorsitzenden Franz Josef Strauß, der ebenfalls 1988 verstarb. Die SPD hat das Kreuz in Todesanzeigen dagegen nie verwendet, weder bei Kurt Schumacher 1952 noch bei dem bekennenden und praktizierenden Christen Gustav Heinemann 1976, genauso wenig wie bei Herbert Wehner 1990 oder Willy Brandt 1992. Aber auch bei Bischöfen und Theologen katholischen wie evangelischen Bekenntnisses fehlt das Kreuz überraschender Weise mehrheitlich in den Todesanzeigen, obwohl man bei ihnen und den kirchlichen Inserenten doch selbstverständlich von einer christlichen Einstellung ausgehen kann und muß. Das Kreuz ist also nicht unabdingbar Bestandteil der Todesanzeige eines Christen.
Dennoch wird auch in vielen Todesanzeigen das Alte und das Neue Testament zitiert und mit biblischen Bildern die christliche Auferstehungshoffnung zum Ausdruck gebracht. Da ist vom Paradies die Rede oder dem Reich Gottes als einem Reich der Liebe und des Friedens. Da wird von den bergenden Händen Gottes und natürlich vom Himmel gesprochen. Das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl und die Hoffnung auf das neue Jerusalem werden zitiert. Auferstehung, ewiges Leben wird denen verheißen, die an Gott glauben. Jedoch die Vorstellung vom jüngsten Gericht und Gott oder Jesus Christus als Richter, die das Leben und den Glauben eines jeden Menschen beurteilen und über Himmel oder ewige Verdammnis entscheiden, habe ich in den Todesanzeigen noch nicht gefunden.
Viele Menschen heutzutage zimmern sich ihre eigenen Jenseitsvorstellungen zurecht. Sie nehmen sich hier ein Stück Esoterik, dort ein Stück Buddhismus und dann auch noch ein Stückchen Christentum dazu und flicken sich so ihre eigene Patchwork - Religion zusammen. Und natürlich schlägt sich auch das in den Todesanzeigen nieder. Ich denke, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie haben gesehen, daß die Todesanzeigen in der Tat all das widerspiegeln, was unsere Zeitgenossen über Sterben, Tod und Trauer denken.

Meine Todesanzeigensammlung in Auswahl