Jede Todesanzeige ist ein Glaubensbekenntnis über das, was die Menschen nach dem Tod erwarten.
Da gibt es bekanntlich sehr unterschiedliche Einstellungen, die sich
auch in den Todesanzeigen niederschlagen. Dabei ist oft nicht erkennbar,
ob es sich um den Glauben der Verstorbenen oder den der Angehörigen
handelt. Meistens verfassen zwar letztere die Anzeigen. Doch einige
Menschen formulieren schon zu Lebzeiten ihre eigene Todesanzeige, manche
sogar in der Ich-Form. Das sind die sogenannten Selbstanzeigen. "Hiermit
gebe ich bekannt, daß ich am 2. März meinen letzten Atemzug getan habe.
Seitdem gehe ich meiner Auferstehung in Gottes ewiger Herrlichkeit
entgegen." ist eine solche Selbstanzeige, die auch eindeutig die
Jenseitsvorstellung des Verstorbenen zum Ausdruck bringt. In der Regel
ist in den Todesanzeigen jedoch von den Hoffnungen und Erwartungen der
Angehörigen die Rede.
Ist mit dem Tod alles aus und vorbei? Mehr oder weniger unverhüllt läßt
sich diese Skepsis aus vielen Todesanzeigen schließen. "Der Rest ist
Schweigen!" steht über der Anzeige eines Schiffsingenieurs. Oder eine
Arztfrau schreibt: "Den Tod fühlt nur der Überlebende." "Rien ne va
plus!" Nichts geht mehr. Das Spiel des Lebens ist zu Ende. Kein Einsatz
mehr möglich. So formuliert eine junge Frau das Ableben ihres Freundes.
Auch wenn nur nackte Namen und Daten den Tod eines Menschen anzeigen,
ist zumindest die Unsicherheit und Sprachlosigkeit, wenn nicht gar die
Verzweiflung über das endgültige Aus zu spüren. Manche Angehörigen
flüchten gar in Sarkasmus. Über einer Todesanzeige steht ein Ausspruch
des Fernseh - Komikers HaPe Kerkeling: "Das ganze Leben nur ein Quiz? -
Hurz!" Oder eine Familie zitiert den italienischen Fußballtrainer
Giovanni Trapatoni in seinem holprigen Deutsch mit der Formulierung:
"Ich habe fertig!"
Viele Menschen hoffen dagegen auf eine Unsterblichkeit auf Erden. Die
einen leben in den Herzen und Gedanken ihrer Angehörigen weiter. "Er hat
für uns gelebt und wird in uns weiterleben." verspricht die Familie
eines Landwirtes. Über das 5. Jahrgedächtnis des Todes einer
herzensguten Mutter stellen die Kinder das Wort: "Wer in den Herzen
seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern!" Wie gut, wenn
diese liebevolle Erinnerung noch lange anhält. Vernachlässigte Gräber,
auf deren Grabstein ein "Unvergessen!" kaum noch zu entziffern ist,
sprechen leider oft dagegen.
Andere Menschen hoffen, hier auf Erden in ihren Nachkommen un-sterblich
zu werden. Eine Architektenfrau bedankt sich in einer Todesanzeige bei
ihrem verstorbenen Mann: "Dank für die Kinder. In ihnen lebst du weiter.
Bezeichnenderweise trägt der älteste Sohn nicht nur denselben Namen wie
der Vater, auch beruflich bewegt er sich in seinen Fußstapfen.
Sicherlich geben wir unseren Kindern vieles mit an Begabungen und an
Erziehung. Doch es kann auch eine große Belastung sein, wenn man in
einem Menschen nicht so sehr seine eigene Persönlichkeit sieht, sondern
ihn als Abbild seines verstorbenen Vaters betrachtet.
Wieder andere hoffen, hier auf Erden in dem weiter zu leben, was sie
geschaffen haben. "Ein unvergeßliches Leben im Dienst der Kurzschrift
ist vollendet." weist auf die unsterblichen Verdienste eines Berliners
hin. Berühmte Politiker "haben sich um unser Vaterland verdient gemacht"
und werden deshalb "in die Geschichtsbücher" eingehen. Wichtigen
Firmenangehörigen wird der Betrieb ein "immerwährendes, ehrendes
Gedenken bewahren". Aber auch über das Leben sogenannter einfacher
Leute, etwa einer Hausfrau, kann gesagt werden: "Wer so gewirkt wie du
im Leben, wer so erfüllte seine Pflicht, und stets sein Bestes
hergegeben, der stirbt auch selbst im Tode nicht." Gut, wenn ein Mensch
in seinem Beruf oder den ihm gestellten Aufgaben Erfüllung findet. Doch
liegt der Sinn und Wert eines Menschenlebens wirklich nur in Leistung
und Erfolg?
Einige wenige Menschen auch bei uns glauben an eine Wiedergeburt wie die
Hinduisten und Buddhisten. Allerdings findet man diese in manchen
Kreisen aktuelle Jenseitsvorstellung in Todesanzeigen nur sehr selten.
Eine Frau hofft für ihren verstorbenen Mann: "Sein Leib wird vielleicht
in wechselnder Gestalt noch tausendmal auf dieser Welt erscheinen." Oder
über der Todesanzeige eines Kindes findet sich der Satz: "Leben und Tod
- sie wechseln einander ab wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter."
Doch ist dieser ewige Kreislauf von Wiedergeburt und Tod wirklich ein
erstrebenswertes Ziel? Die Hinduisten und Buddhisten sehen in ihm eine
zu-tiefst leidvolle Qual, die sie irgendwann einmal im Nirwana, in der
ewigen Ruhe, im Nichts überwinden wollen.
Viele Menschen leiten ihre Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod aus dem
Beruf des Verstorbenen ab. Ein "Hubertusjünger" geht "in die ewigen
Jagdgründe" ein. "Und wenn der jüngste Tag bricht an, dann steig' ich
aus dem Grab, und wieder geht's mit Hussa dann ins wilde Tal hinab." So
hofft er auf unendliche Jagdfreuden. Charlie Rivel ist in den
Clownshimmel gekommen. Einige Seefahrer, vor allem die Kapitäne, "treten
ihre letzte große Reise an" oder sind "in den letzten Hafen eingelaufen,
wo sie dann "für immer Anker geworfen" haben. Ein Schulbusfahrer mußte
auf "seine letzte Dienstfahrt alleine gehen." Ehemalige Soldaten "melden
sich ab" und werden dann "zur großen Armee" abberufen. Einem Kumpel wird
zu "seiner letzten Grubenfahrt" ein "Glück auf!" und "Bergmanns Heil!"
nachgerufen, und eine Sängerin "singt jetzt für immer in den himmlischen
Chören." So wird die Arbeitswelt in die Ewigkeit hinein verlängert. Ist
das wirklich ein erstrebenswertes Ziel?
Wieder andere beziehen ihre Hoffnungsbilder aus der Literatur oder der
Mythologie. Manche werden dabei selbst zu Poeten, andere zitieren bewußt
oder unbewußt. Einige wenige möchte ich herausgreifen: Manche Menschen
erwarten merkwürdige Verwandlungen des Verstorbenen. Von einem
18-jährigen, der durch einen von Seitenwind verursachten Autounfall ums
Leben gekommen ist, glauben seine Eltern: "Der Wind nahm uns unseren
Sohn, durch den Wind wird er mit uns sprechen, er streichelt uns durch
den Wind." Die Unendlichkeit des Weltraums regt ebenfalls zu Hoffnungen
an: Als "der kleine Prinz Dieter" für immer von uns ging, setzten seine
Eltern ein Zitat von Saint Exupery über die Todesanzeige: "Wenn du bei
Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne,
weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache."
Von Hermann Hesse stammt der Spruch, der uns ebenfalls in die
Unendlichkeit des Weltalls weist: "Es wird vielleicht
auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden", der
über der Todesanzeige einer 81-jährigen geliebten Mutter zu lesen ist.
Wolfgang Borcherts Gedicht gehört auch hierher, in dem es heißt: "Die
Erde sinkt zurück, die Fesseln und die Schmerzen: Ich bin am Himmel
Stern geworden und fühl' im All den Schlag von Gottes weitem Herzen."
Den Übergang von Vorstellungen aus dem weiten Weltenraum zu Hoffnungen
auf eine neue Heimat im Tode finden wir über der Todesanzeige einer
alten Ostpreußin: "Unsere Heimat aber ist der Himmel." In diese Richtung
weist auch von Eichendorffs Strophe: "Und meine Seele spannte weit ihre
Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus." die
über der Todesanzeige eines lieben Ehemannes zu finden ist. Und auch die
bekannte Sterbensforscherin Elisabeth Kübler-Ross wird zitiert mit dem
Satz: "Sterben ist nur ein Umziehen in ein schöneres Haus." Dies alles
sind schöne Bilder, wunderbare Vorstellungen, die den Schmerz über den
Verlust eines lieben Menschen oder auch die Angst vor dem eigenen Tode
mildern können.
Natürlich gibt es auch nach wie vor christlich geprägte Todesanzeigen.
Sie sind jedoch in den letzten Jahren seltener geworden. Gerade auf
diesem Gebiet bestehen in Deutschland große regionale Unterschiede. In
den katholisch geprägten Gegenden wie in Bayern oder dem Rheinland zum
Beispiel finden sich bis heute in der Mehrheit der Todesanzeigen Kreuze.
Ob sie jedoch immer auf eine christliche Gesinnung hinweisen und
schließen lassen, ist indes fraglich. Denn einmal ist das Kreuz dort
Tradition und Brauch. Man denkt nicht darüber nach, sondern benutzt es
einfach. Zum anderen ist das Kreuz häufig auch zum Zeichen für den Tod
geworden und damit seines christlichen Inhaltes beraubt. Die Lebensdaten
eines Menschen werden ja in der Regel mit einem Stern für die Geburt und
einem Kreuz für den Tod markiert.
Ähnlich ist es mit anderen ursprünglich christlich gefüllten Begriffen.
Schon Klaus Dirschauer hat in seiner bereits erwähnten Arbeit darauf
hingewiesen, daß etwa das Verb "erlöst" vielfach seinen religiösen
Inhalt eingebüßt hat. Es drückt meist nicht mehr die Erlösung des
Menschen von der Macht der Sünde und des Todes durch Kreuz und
Auferstehung Jesu Christi aus, sondern es meint lediglich die Beendigung
der unerträglichen Schmerzen durch den Tod.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Vergleich von
Todesanzeigen berühmter Politiker. Während die CDU, die christlich
demokratische Union Deutschlands, bei den verstorbenen Bundeskanzlern
Konrad Adenauer 1963 und Ludwig Erhard 1977 selbstverständlich noch die
Todesanzeigen mit einem Kreuz versehen hat, so fehlt dies bereits bei
dem dritten verstorbenen CDU Kanzler Kurt Georg Kiesinger 1988 und bei
dem CSU Vorsitzenden Franz Josef Strauß, der ebenfalls 1988 verstarb.
Die SPD hat das Kreuz in Todesanzeigen dagegen nie verwendet, weder bei
Kurt Schumacher 1952 noch bei dem bekennenden und praktizierenden
Christen Gustav Heinemann 1976, genauso wenig wie bei Herbert Wehner
1990 oder Willy Brandt 1992. Aber auch bei Bischöfen und Theologen
katholischen wie evangelischen Bekenntnisses fehlt das Kreuz
überraschender Weise mehrheitlich in den Todesanzeigen, obwohl man bei
ihnen und den kirchlichen Inserenten doch selbstverständlich von einer
christlichen Einstellung ausgehen kann und muß. Das Kreuz ist also nicht
unabdingbar Bestandteil der Todesanzeige eines Christen.
Dennoch wird auch in vielen Todesanzeigen das Alte und das Neue
Testament zitiert und mit biblischen Bildern die christliche
Auferstehungshoffnung zum Ausdruck gebracht. Da ist vom Paradies die
Rede oder dem Reich Gottes als einem Reich der Liebe und des Friedens.
Da wird von den bergenden Händen Gottes und natürlich vom Himmel
gesprochen. Das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl und die Hoffnung
auf das neue Jerusalem werden zitiert. Auferstehung, ewiges Leben wird
denen verheißen, die an Gott glauben. Jedoch die Vorstellung vom
jüngsten Gericht und Gott oder Jesus Christus als Richter, die das Leben
und den Glauben eines jeden Menschen beurteilen und über Himmel oder
ewige Verdammnis entscheiden, habe ich in den Todesanzeigen noch nicht
gefunden.
Viele Menschen heutzutage zimmern sich ihre eigenen
Jenseitsvorstellungen zurecht. Sie nehmen sich hier ein Stück Esoterik,
dort ein Stück Buddhismus und dann auch noch ein Stückchen Christentum
dazu und flicken sich so ihre eigene Patchwork - Religion zusammen. Und
natürlich schlägt sich auch das in den Todesanzeigen nieder. Ich denke,
meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie haben gesehen, daß die
Todesanzeigen in der Tat all das widerspiegeln, was unsere Zeitgenossen
über Sterben, Tod und Trauer denken.
Meine Todesanzeigensammlung in Auswahl
